Es erinnert daran, dass jede Bezeichnung selbst schon eine Bewertung vornimmt, bevor überhaupt von körperlichen Vorgängen gesprochen wird. Es ist wichtig, alle Erfahrungen ernst zu nehmen: ob als Verlust, Erleichterung oder Schmerz – ohne moralisierende Lesart. Ich wollte den Blick eher darauf lenken, wessen Fehlgeburten und Schwangerschaften überhaupt wahrgenommen werden – und warum diese so stark auf ein »Endprodukt« fixiert sind. Was passiert, ist die Verschiebung von Verantwortung: Der Körper einer Schwangeren wird zum Produktionsort, und alles, was nicht in ein lebendes Kind mündet, erscheint als Störung – oder als persönliches Versagen. Genau hier zeigt sich, dass Schuldzuschreibungen keine individuellen Reflexe sind, sondern Ausdruck politischer Strukturen – und dass es entscheidend ist, wessen Schwangerschaft gesellschaftlich zählt und wessen nicht.
Source: Junge Welt January 06, 2026 19:06 UTC