Nicht, weil man keine langen Diskussionen darüber führen könnte, was „uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet“, wie Thomas de Maizière gerade formuliert hat. Sondern gerade umgekehrt; weil alle diese Begriffe – wir, das Innerste, zusammenhalten, ausmachen, unterscheiden – so unklar sind, dass jeder aus ihnen herausholt, was zuvor in sie hineingetragen wurde. Wenn es Jugendliche derzeit weniger oft tun, sondern sich gegenseitig abklatschen oder die Handrücken aneinanderstoßen oder Küsschen geben, weicht das von der Leitkultur ab? Wäre sie das Thema, müssten die Grenzen der Leitkultur allerdings auch ganz anders gezogen werden und verliefen quer zu Herkunftsunterscheidungen. Träger von Leitkultur im Sinne des staatsbürgerlichen Miteinanders einer nichtfeindseligen Haltung zu anderen wird man sie nur zögerlich nennen.
Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung May 02, 2017 08:24 UTC