Daneben schärft er das Bewusstsein für die Widersprüche im postkolonialen Diskurs, in denen letztlich auch die Unterdrückten gefangen sind. Zwar geht François Ozons filmische Neuinterpretation des »Fremden« nicht so weit wie Daouds Roman, doch die Schatten der französischen Kolonialgeschichte spielen in seinem abstrahierenden Schwarzweißfilm zumindest eine Nebenrolle. »Ich habe einen Araber getötet«, bekennt der schweigsame, undurchsichtig und gleichgültig wirkende Meursault (Benjamin Voisin) bei seiner Ankunft im Gefängnis. Denn schon am Tag nach der Beerdigung trifft Meursault seine Freundin Marie Cardona (Rebecca Marder) eher zufällig am Strand, verbringt mit ihr einen Nachmittag beim Baden, im Kino und im Bett. Doch es bedarf noch eines reinigenden Wutausbruchs gegenüber dem doch so bemühten und einfühlsamen Priester (Swann Arlaud), ehe sich der aufrichtig illusionslose Held der »zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt« öffnen kann.
Source: Junge Welt January 01, 2026 18:59 UTC