Keine Institution, die nicht mit Vorwürfen oder Kritik überzogen wurde – von der Familie über Schule und Universität, das Rechtssystem und die Wirtschaft bis zu den Parteien. Weit über Wohngemeinschaften und die Lockerung sexueller Verhaltensnormen hinaus gab es die Erwartung, schlechterdings alles müsse und könne „ausdiskutiert“, anschließend demokratisiert und neu verteilt werden. Der Hedonismus von 1968 wurde von der Unterhaltungs- und Konsumgüterindustrie bearbeitet. Die Behauptung, die Gesellschaft sei unerträglich, der Kapitalismus ein Schrecken, der Rechtsstaat eine Farce und die Demokratie hohl, wurde also entweder im Zuge des Älterwerdens und nach mancher biographischen Konversion in Mitarbeit transformiert. Denn es kommt von Leuten, die gar nicht merken, wie viel sie in ihrer eigenen Lebensführung jenen Protesten verdanken: vom Familienrecht über die Sexualmoral bis zur Gewöhnung an die öffentliche Dauerentrüstung, die sie praktizieren.
Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung January 18, 2018 10:51 UTC