Zum anderen wird aber ersichtlich, wie der Begriff der Ambivalenz tatsächlich geeignet ist, bestimmten Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden. Bleuler unterscheidet graduell eine ‹normale› Ambivalenz von einer ‹pathologischen› Ambivalenz, in der Gefühls- oder Wahrnehmungsgegensätze unaufgelöst und teilweise unbewusst für lange Zeit «nebeneinander bestehen» blieben. Ambivalenz als Triebfeder der DichtungBereits Bleuler bemerkt, dass die Ambivalenz «eine der wichtigsten Triebfedern der Dichtung» darstelle. Doch das Verhältnis von Ordnung und Ambivalenz ist selbst ambivalent und bewirkt nach Bauman ein Paradox: Jeder Ordnungsversuch resultiere in neuen Ambivalenzen. Wir benötigen nicht mehr Ambivalenztoleranz, wie es manchmal heißt, vielmehr benötigen wir Verfahren, um die Ambivalenz in und um uns besser wahrzunehmen, zu beschreiben und zu nutzen.
Source: Suddeutsche Zeitung January 25, 2023 04:30 UTC