Vielleicht stimmt es wirklich: dass an der Art und Weise, wie die Menschen mit dem Raum umgehen, der ihnen gegeben ist, etwas abzulesen sei über ihre innerliche Verfasstheit, über den Zeitgeist oder den guten alten Überbau. Für Walter Benjamin war der lustwandelnde Flaneur, der sich räsonierend durchs Erlebnisbad bewegt, für Adorno der Autofahrer, der die Tür seines Gefährts mit Krawummsti zuschlägt, je Sinnbild des soziopsychologischen Verhältnisses zum öffentlichen Raum. Heute überhaupt ein solches Verhältnis zu haben, wird knifflig schon deswegen, weil es immer weniger von ihm gibt. Andererseits braucht es den Zwang fast gar nicht - wird doch der öffentliche Raum auch von denen kaum verteidigt, die ihn eigentlich bräuchten. Während die Wohnungen immer unbewohnbarer werden, sei’s durch Mietpreise oder durch Minimalismus, wird das Zugabteil, der kleine Park zum Dachboden aller.
Source: Neues Deutschland November 22, 2019 16:41 UTC